
"Was tust du da?" ertönte es hinter ihr. "Ich denke nach." entgegnete sie. Ihr Blick war weiterhin starr nach vorne gerichtet und um sie herum pulsierte das tägliche Treiben, dass am Wochenende die Stadt lebendig macht. "Wie lange sollen wir hier noch sitzen?" ertönte es erneut hinter ihr und wieder entgegnete sie mit halbherzigem Ton: "Mal sehen". Ihr Blick streifte Leute die vorüber gingen, Ehepaare mit Kindern, Pärchen, kleinere Grüppchen von Mädchen die kichernd vorbei gingen. "Schau, so waren wir auch in dem Alter. Nur so schlecht angezogen, das waren wir nicht!" Vor ihr spazierte ein Ehepaar entlang, völlig harmonisch im Einklang. Beide müssen schon Mitte sechzig sein, mit ihrem schütternden grauen Haar lächelte sie ihren Mann an und zog ihm den Schal zurecht. Er verdrehte die Augen und blieb widerwillig stehen. Sie zog und drehte genüsslich an seinem Schal herum und ihre Lippen bewegten sich unentwegt, wahrscheinlich hält sie ihm Vorträge über eine Nichtigkeit, wie etwa einem verrutschten Schal. Er sieht sie liebevoll an, nimmt ihre Hand in seine und zieht sie sanft mit. Lächelnd schüttelt sie ihren Kopf und ihr graues Haar glänzt in der Sonne. "Wie lange die beiden wohl verheiratet sind?" -"Hm, bestimmt so an die vierzig Jahre, so wie die aussehen!" Sie sah den beiden lange nach, auch wenn sie schon fast außer Reichweite waren hatten sie etwas so herzliches an sich, etwas wonach sich ein jeder sehnt. Diesen einen Menschen, der dir die Hand hält, wenn der erste Schritt ein schwerer ist. Der dir durch das Gesicht streicht und sagt wie wunderschön man sei, obwohl man mit Grippe und verschnupfter Nase im Bett liegt. Der dich nachts anruft, nur um dir eine "Gute Nacht" zu wünschen. Es ist der Mensch, zu dem du herauf schaust und immer wieder etwas neues entdeckst. Der, dem du immer wieder von diesem einen Erlebnis erzählen kannst, ohne das es ihn langweilt. Es ist der Mensch, dem du ohne zu zögern deine Ängste anvertrauen kannst und der dich deswegen nicht verurteilt. Es ist der Mensch, den du ansiehst und du weißt mit einmal das es Liebe ist. Derjenige, den du auch mit siebzig Jahren noch für den wunderschönsten Mensch auf Erden hälst, und dem du für jede Sekunde mit ihm dankbar bist. Es ist der, der sich mit dir in ein Kettenkarussell setzt und deine Hand hält. Der Mensch, für den du alles geben würdest und der dich jederzeit auffängt. Wenn man diesem Menschen begegnet, braucht man keine Worte mehr. "Du träumst schon wieder oder?" ertönte es wieder einmal hinter ihr. -"Träumen, ja ein wenig vielleicht. Du weißt wie ich bin, wundere dich nicht darüber, dass ich so still bin." Die Sonne scheint, und zaubert durch ihre Wärme eine gewisse Röte auf das Gesicht. Das ältere grauhaarige Ehepaar kommt erneut vorbei und passiert ihren Blick. Sie halten sich immer noch an ihren Händen und strahlen diese Wärme aus, wie es die wenigsten tun. "Möchtest du auch noch einen Kaffee?" fragte die Stimme hinter ihr, "komm lass uns weiter gehen!" Sie stand auf, sah sich um und stellte fest dass sie immer noch alleine war.